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Opferfeindliche Sprache bei sexualisierter Gewalt PDF Drucken E-Mail
Mittwoch, 17. Januar 2007

Das Buch

„Der verlorene Kampf der Wörter – Opferfeindliche Sprache bei sexualisierter Gewalt. Ein Plädoyer für eine angemessene Sprachführung“

erscheint im Februar im Junfermann-Verlag.

Dieses Buch über Sprachgebrauch und Realität im Bereich sexualisierte Gewalt wurde von Monika Gerstendörfer, einer Mitbegründerin der Lobby für Menschenrechte, geschrieben.

"Ein starkes, kluges und faktenreiches – und auch noch sehr gut lesbares - Buch", meint Michaela Huber, die folgendes Vorwort dazu geschrieben hat:

Vorwort zu Monika Gerstendörfer: Der verlorene Kampf der Wörter – Opferfeindliche Sprache bei sexualisierter Gewalt. Ein Plädoyer für eine angemessene Sprachführung, Paderborn: Junfermann, Februar 2007

Michaela Huber


Erinnern Sie sich noch an Mario Mederake? Doch, Sie erinnern sich, ganz bestimmt. Das war doch der kahlgeschorene Hüne im Trainingsanzug, der – die Händen in den Taschen – ganz gelassen auf dem Dach der Haftanstalt, auf das er sich mit ein paar Klimmzügen geschwungen hatte, mit zwei Psychologen plauderte, die ihrerseits etwas lächerlich wirkten in ihrem hochgefahrenen Kran-Korb, wie sie auf ihn einredeten. Zwanzig Stunden verbrachte der Untersuchungshäftling so, drohte ein wenig mit Suizid, versuchte auf seinen bevorstehenden Prozess Einfluss zu nehmen (man solle die Gewaltvideos, die er von seinem Opfer und sich selbst drehte, nicht zeigen) und kam erst herunter, als es ihm in der Nacht zu kalt wurde.
Erinnern Sie sich? Vermutlich wird sein Opfer, das man nur „die kleine Stephanie“ nannte in den Medien, sich ohnehin ihr ganzes Leben lang an ihn erinnern. An jenen vierschrötigen Klotz von Mann, der die damals Dreizehnjährige auf der Straße einfach packte, in seinen Kofferraum schleuderte, sie zu sich nach Hause schleppte, täglich mehrfach vergewaltigte und sadistisch folterte, sie wochenlang in Todesangst versetzte, ihr unsägliche Schmerzen zufügte, körperliche und seelische, und dabei zwischendurch so tat, als sei er in sie verliebt. Von Stephanie hieß es in den Medien, sie werde das „nie verwinden“. Vielleicht doch. Denn immerhin war sie klüger als die sächsische Polizei, die sich mehrfach ausgesprochen dumm anstellte (den Namen des vorbestraften Mederake falsch eingab, der nur wenige Häuserblocks vom Entführungsort entfernt seine Wohnung hatte zum Beispiel, und ihn so nicht fand). Stephanie verfügte über Resilienzfaktoren, wie wir das heute nennen, sie ist klug und erfinderisch, und sie sorgte dafür, dass sie Zettelchen aus dem Fenster werfen konnte mit Hinweisen darauf, wo sie sich befand, wer sie war und wer der Entführer, und klaren Anweisungen, was der Finder damit tun sollte, nämlich die Polizei holen. Die hatte dann leider nichts Besseres zu tun als an der Mederake-Tür zu klingeln (ein wahrlich amateurhafter Fehler) und damit das Mädchen stundenlang bis zum Aufbrechen der Tür wiederum in Todesangst – und echte Todesgefahr! – zu versetzen. Doch immerhin: Stephanie kann von sich selbst sagen, dass sie entscheidend zu ihrer Befreiung beigetragen hat, das könnte ihr bei der Verarbeitung helfen.

Als ich Monika Gerstendörfers Manuskript las, das Ihnen hier als Buch vorliegt, fiel mir der mediale Umgang mit Stephanie und Mario Mederake ein. Die Medien interessierten sich sehr für den Täter, er wurde natürlich als „Monster“ bezeichnet, aber doch auch fast respektvoll geschildert – und auch behandelt, siehe die im Kran zu ihm „hoch gehobenen“ Psychologen; ein bezeichnendes Bild für den laxen Umgang der Strafverfolgungsbehörden und auch der Medien mit diesem Mehrfachtäter, der die Taten ja gestanden und auch dokumentiert hatte und dennoch immer nur als „mutmaßlicher Täter“ bezeichnet wurde. Und Stephanie? Sie hatte – wie die Eltern beteuerten freiwillig – entschieden, bestimmten Medien gegenüber (etwa dem SPIEGEL) die Taten zu schildern. Sie wurde mitsamt der Eltern sowohl von der Staatsanwaltschaft als auch von dem Anwalt des Täters wie auch von zahlreichen Medien ausschließlich wiederum als Opfer gesehen. Tenor: Das arme Mädchen wird nun auch noch von den rachsüchtigen Eltern gezwungen, sich den schrecklichen Erfahrungen hinzugeben, danach kann es ihr doch nur schlimmer gehen.
Dabei wird übersehen, dass jede/r Gewaltüberlebende eigene Mechanismen hat, sich mit dem Geschehen auseinander zu setzen. Und es kann sehr gut sein, dass Stephanie den Zorn brauchte, ihn nutzte, um sich über die Schilderungen ihrer eigenen Erfahrungen zu versichern und dazu beizutragen, dass der Täter für immer aus ihrem Leben verschwindet. Stephanie muss eine großartige Jugendliche sein, und man kann ihr nur wünschen, dass sie die Kraft des Zornes und die Klarheit der Aussage nutzen kann, auch weiterhin alles für ihren Selbstschutz zu tun. Ähnlich wie die beiden Überlebenden des belgischen Serientäters Dutroux, die entschlossen waren, sich dem Täter Auge in Auge zu stellen – ein sicher emotional sehr belastendes Moment, aber es kann auch hilfreich sein, wenn die Überlebenden selbst dieses Vorgehen wählen.
Monika Gerstendörfers Buch behandelt das Thema der öffentlichen Wahrnehmung von sexualisierter Gewalt – und konfrontiert diese sprachlich und inhaltlich verzerrten Bilder mit der Realität. Es ist ein zwar leicht zu lesendes, aber keinesfalls ein einfaches Buch, und Sie brauchen durchaus starke Nerven, wenn Sie sich mit dem Inhalt auseinandersetzen. Von daher ist es kein Buch, das ich Überlebenden empfehle, die ihre Traumabearbeitung noch nicht abgeschlossen haben, da es von sogenannten Triggern (möglichen Auslösereizen für traumatisches Erinnerungsmaterial) nur so wimmelt. Lesen aber sollten viele dieses Buch, weil es, wie seine Autorin, mutig ist und stark, klar und zornig, aufrichtig und kenntnisreich. Es entlarvt bagattelisierenden Sprachgebrauch, der nicht sagt, was der Täter tut, nicht sagt, was mit dem Opfer geschieht und nicht sagt, worin die Tat besteht. Sondern von „Kinderpornografie“ spricht, wo nichts gespielt (Pornos) ist, sondern schlicht sexualisierte Folter an Kindern auf Video gebannt wird. Von „Sextourismus“, wenn Männer Kinder und Frauen in anderen Ländern vergewaltigen; von „Kinderprostitution“, wenn Erwachsene minderjährige Schutzbefohlene zwingen, sich von anderen Erwachsenen vergewaltigen zu lassen. Sprache zu entlarven ist wichtig, Fakten sind von entscheidender Bedeutung, um wirklich etwas zu verstehen. Daher: Lesen Sie dieses Buch, und diskutieren Sie es mit PolitikerInnen, kämpfen Sie dafür, dass Gewaltüberlebende kostenfrei Therapien bekommen, und zwar nicht nur ein paar Stunden (für Täter gibt es nämlich oft jahrelange Therapien, ist dieses Ungleichgewicht nicht ungeheuerlich?).
Wer Gewalt erlitten hat, soll in jeglicher Hinsicht unterstützt werden, den eigenen Weg zur Genesung zu finden. Offenbar fällt es Medien und der öffentlichen Wahrnehmung schwer, so wertschätzend und respektvoll mit Gewaltopfern umzugehen, wie es angemessen wäre: Sie auch als kompetent zu sehen, obwohl sie so furchtbar gelitten haben; sie einfach anzunehmen, wie sie sind: stark und schwach, leidend und froh, auf der Suche nach dem Danach und der Heilung ihrer Traumata, und mit sehr vielen guten und hilfreichen Eigenschaften versehen - zutiefst menschlich eben und weit mehr als nur Opfer. Den Medien fällt das schwer, wie es ihnen meist auch schwer fällt, die Täter im Bereich sexualisierte Gewalt als verrohte und im wahrsten Sinne des Wortes grenzenlos brutal agierende Menschen zu sehen, die voll für ihre Taten verantwortlich zu machen sind, denn sie hätten auch anders handeln können. Das jedoch sagt kaum jemand; stattdessen wird der Täter entweder dämonisiert oder entschuldigt, etwa als „Andersfühlender“ oder Produkt einer „schlimmen Kindheit“. Man kann sich für das Böse entscheiden – oder dagegen. Das kann so gut wie jeder Mensch. Gewalt gegen Schwächere ist böse und wird klar sanktioniert. So einfach könnte es sein. Hoffentlich ist es bald so.



Anmerkung: Michaela Huber ist Psychologische Psychotherapeutin, 1. Vorsitzende des ISSD e.V. und
Sprecherin (Speaker) der deutschen ISSD-Mitglieder in der deutschsprachigen ISSD
 
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